Newsletter September


Ich grüße Sie herzlich!

Jesper Juul ist vor knapp zwei Monaten gestorben. Es tut mir gut, mit verschiedenen Menschen immer wieder darüber zu sprechen, welche Bedeutung er in ihrem und für ihr Leben hatte.
Nach und nach komme ich mit der Endgültigkeit des Verlustes in Berührung auf unterschiedliche Weise. Zuerst waren viele persönliche Erinnerungen da und ich spürte die große Dankbarkeit darüber, was ich von ihm lernen konnte und seit 10 Jahren am ddif weitergeben kann.

In den letzten Tagen taucht mir die Unwiederbringlichkeit und Einzigartigkeit seiner klaren und direkten Art auf. Jesper Juul konnte sehr deutliche Aussagen formulieren, an denen Eltern und Fachleute nicht selten zu knabbern hatten. Jesper war dabei weder moralisch noch transportierten seine Worte auch nur irgendeinen Hauch eines Vorwurfs oder der Anklage. Wenn Zuhörer ihm die Rückmeldung gaben, er würde ihnen ein schlechtes Gewissen machen, lernten sie sehr schnell, dass das schlechte Gewissen von ihnen selbst kommt und nicht Jesper es ihnen macht. Für das eigene schlechte Gewissen kann jeder Verantwortung übernehmen und es in sinnvolles Handeln verwandeln.
Ich habe nicht erlebt, dass Jesper Juul Eltern oder Fachleute verurteilte, aber er sprach seine Sicht in unmissverständlichen Worten aus. Den manchmal vehementen Reaktionen hielt er stand.

Ein Beispiel kommt mir oft in den Sinn. Es ging ums Zähneputzen. Ein Thema, bei dem Eltern oft an ihre Grenzen kommen und insistieren, dass sie bei der Verweigerung desselben bei ihren Kindern unbedingt durchgreifen müssten. Abend für Abend entwickeln sich hässliche Szenen im Badezimmer. Das wolle ja keiner, aber da gäbe es nun mal keine andere Möglichkeit. Die Zähne seien wichtig und Eltern hätten schließlich die Verantwortung für deren guten Erhalt.
Jesper stellte in diesem Kontext die Aussage mit Fragezeichen in den Raum: „Löcher in den Zähnen oder Löcher in den Seelen?“
In verschiedenen Fallbeispielen hat Jesper aufgezeigt, wie die allabendlichen destruktiven Prozeduren aufgelöst werden können, wenn die Erwachsenen aus dem Machtkampf um das Zähneputzen aussteigen. Anstatt die Zähne in den Mittelpunkt zu stellen, können sie ihr Kind anschauen und hören, was gerade in der Situation passiert. Dazu ein weiteres Zitat von Juul:
„Dann fühlen sich die Kinder nicht mehr nur wie Gebisse.“

„Familientherapie im Hier und Jetzt“
Von Ruth Hansen und Peter Mortensen

Das Buch ist ein absolut wertvoller Beitrag für die Arbeit der „erlebnisorientierten Familientherapie“. Es war spannend für mich, genau das zu lesen, was wir in unserer vierjährigen Ausbildung am ddif praktizieren. Mir gefällt sehr, wie Ruth Hansen und Peter Mortensen die „unspezifischen“ Fähigkeiten definieren und in den Mittelpunkt rücken. Dazu gehören unter anderem, sich selbst als Person immer wieder neu kennenzulernen, den eigenen individuellen Stil zu finden, sich jedes Mal aufs Neue zu Kontakt, Beziehung und Empathie zu befähigen. Nur dann können Therapeutinnen und Therapeuten ihr fachliches Wissen und ihre professionelle Perspektive wirkungsvoll umsetzen.
Die folgende Leseprobe aus dem Buch biete ich Ihnen dazu gerne an.

Abschnitt aus dem Kapitel: Der therapeutische Raum – Persönlich sein (S. 57 ff)
“Persönlich und privat sein, sind zwei verschiedene Dinge. Das private Leben der Therapeutin ist im Prinzip nicht von Bedeutung für das Gespräch. Sie jedoch im Gespräch persönlich zu verhalten, dann Kontakt schaffen und die Fähigkeiten der Familienmitglieder, persönlicher und direkter miteinander in Beziehung zu treten, fördern. Sich persönlich auszudrücken, setzt voraus, dass man die eignen Gefühle und Körperempfindungen wahrnehmen kann und dass man während des Gesprächs gleichzeitig seine selbstbezogenen oder voreingenommenen Gedanken und die stringenteren akademischem und fachspezifischen Überlegungen und Blickwinkel bewusst wahrnimmt. Es erfordert Übung und viel Selbsterkenntnis, sich selbst wahrzunehmen und all das, was ein Familiengespräch auf der inneren Ebene typischerweise bei der eigenen Person aktiviert, einzuordnen. Das Gegenteil – sich gegenüber den eigenen Gefühlen zu verschließen – wird im besten Fall zu einem Mangel an Präsenz und so zu einer verminderten Empathiefähigkeit führen. Daher besteht die Übung darin, wahrzunehmen, sich bewusst zu machen und zu sortieren, wann das Aussprechen persönlicher Reaktionen Sinn macht, wann man besser wartet und wann diese überhaupt keine Relevanz für das Gespräch haben.

Für die Anfängerin oder die noch wenig erfahrene Therapeutin ist diese Sortierung natürlich sehr schwierig. Es gibt unzählige Fallgruben. Vielen wird es passieren, dass sie selbstbezogen und vor allem mit dem eigenen Wunsch, eine gute Therapeutin zu sein, beschäftigt sind, oder dass sie von der Dynamik und den Schwierigkeiten der Familie so verschlungen werden, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sich einen professionellen Überblick zu verschaffen.
Sich als Therapeutin persönlich zu verhalten, mag wie eine einfache Forderung klingen – in der Praxis ist es jedoch eine große und komplexe Aufgabe, die eigenen Verhaltensmuster von den individuellen Reaktionen und Interaktionen der Familienmitglieder abzugrenzen. Sowohl Selbstabgrenzung als auch Selbstreflexion sind Prozesse, mit denen man als Therapeutin nie abschließt. Stattdessen werden die Fähigkeiten in Gesprächen mit Klientinnen fortwährend herausgefordert und müssen immer wieder aufs Neue erworben werden.

Shybbe (2015) fasst die Herausforderungen und die Belohnung dabei schön zusammen:
„Im Geiste von Kirkegaard möchte ich mit diesem Gedanken schließen: Sich selbst besser kennenzulernen, wenn man anderen hilft, ist eine leidenschaftliche, sinnvolle und erbauliche Art zu leben.“ (S. 12. Übersetzt von Tine Madsen)”

Hardcover: 344 Seiten, aufwändige Verarbeitung
Verlag: Verlag edition+plus
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-394710127-6
Preis: € 33,00 inkl. 7% MWSt

Sie können das Buch bei uns bestellen: info@ddif.de
Wir verschicken den Titel mit Rechnung zuzüglich 2,50 € Versand-kosten.

Die neuen Räume
Die Remise wird Ende September fertig sein, so dass dem Start im Oktober nichts im Wege steht.
Am Dienstag, den 1. Oktober möchten wir Sie in die Remise einladen, um mit uns anzustoßen und die Räume zu besichtigen. Wir öffnen von 17:00 bis 20:00 Uhr die Türen zu einem kleinen Umtrunk.

Remise im Hinterhof
Ebersstr. 80
10827 Berlin
Ganz nah beim S-Bahnhof Schöneberg

12 Jahre ein Untertan? – Warum Bildung die nächste Emanzipationsbewegung braucht.

Ich möchte Ihnen einen dokumentarischen Film empfehlen, der im Rahmen eines Programms des ACT e.V. Berlin und als Teil des Projektes „Resonanz – Qualität durch gelingende Beziehungsgestaltung“ entstanden ist. Eine der Leiterinnen des Vereins, Maike Plath, war selbst Lehrerin und hat einen emanzipativen Ansatz für die Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen entwickelt.

ACT steht für:

1. A_nerkennung
Nahe, vertrauensvolle Beziehungen zwischen allen Beteiligten und absolute Wertschätzung.
2. C_ommunication
Verzicht auf Bewertungen. Fehler gibt es nicht.
3. T_eilhabe
Ernst gemeinte, unendlich viele Partizipationsmöglichkeiten für alle.
+ 4.
Gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen mit einem gemeinsamen Ziel.

In ihren Worten zum Film schreibt sie unter anderem über ihren Wunsch, Gleichwürdigkeit zwischen allen Beteiligten in der Schule und auch in der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit zu machen.

Im Film kommen ehemalige SchülerInnen zu Wort, die nun selbst mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und dabei über ein Jahr mit der Kamera begleitet wurden. Sie reflektieren über ihre Erfahrungen, Bildung und Schule und entwickeln eigene Visionen.
Darin liegt die Kraft des Filmes.

Maike Plath über das Projekt und den Film
zum ganzen Film: 12 Jahre Untertan? (youtube)

Aus- und Weiterbildung
Wenn Sie sich für unsere vierjährige Ausbildung zum Familientherapeuten oder zur Familientherapeutin interessieren, freue ich mich über Ihre Bewerbung und aufs Kennenlernen bei einem unserer nächsten Infotreffen.

Wenn Sie sich für die Weiterbildung „Vom Gehorsam zur Verantwortung“ interessieren, schicken Sie uns gerne direkt Ihre Anmeldungen. Wenn Sie möchten, können Sie sich auf bei einem der regelmäßigen Treffen vorab über die Inhalte und Arbeitsweise in den sechs Modulen informieren.

Das nächste Treffen findet am 24. September 2019 noch einmal in den Räumen der nordischen Bildungswerkstatt in der Feurigstr. 62, 10827 Berlin-Schöneberg statt.

Infotreffen
Infoflyer: Aus- und Weiterbildung 2020

Das folgende Angebote ist eine Möglichkeit für Sie in das Empathietraining hinein zu schnuppern. Das Wochenende in der Villa Fohrde wird von AbsolventInnen des Trainings organisiert und durchgeführt. Wenn Sie sich dafür interessieren oder Fragen dazu haben, nehmen Sie bitte direkt mit den VeranstalterInnen Kontakt auf.

„Bei sich selbst sein im Kontakt mit anderen“ – Training-Empathy-Wochenende in der Villa
Vom 31.10. bis zum 03.11.2019  findet in der Villa Fohrde ein Training-Empathie-Wochenende statt.
Sie können den Workshop als “Refresh” nutzen, wenn Sie an der Ausbildung im Training Empathy oder am Seminar „Intelligenz des Herzens“ teilgenommen haben, oder als „Schnupperkurs“. Alle, die das Empathie-Training in einem viertägigen Workshop außerhalb der Stadt und inmitten schöner Natur auffrischen und vertiefen oder kennenlernen wollen, sind herzlich eingeladen.
Selbstfürsorge und Achtsamkeit spielen zusammen mit In-Beziehung-Sein mit anderen im Training Empathy die zentrale Rolle. Wir praktizieren Körperübungen und innere Übungen, die beides im Fokus haben. Mal in Stille, ruhig und konzentriert und mal spielerisch oder mit mehr Tempo. Mal allein, mal mit Partner oder in der Gruppe. Sie können Anregungen für eigenes Üben mitnehmen und wenn Sie mit Kindern oder anderen Gruppen arbeiten, bekommen Sie sofort einsetzbare Ideen an die Hand. In Dialogübungen widmen wir uns herausfordernden Situationen aus dem Alltag.
Arbeitssituationen im Plenum und in Kleingruppen wechseln sich ab.

Wir wollen uns treffen, gemeinsam arbeiten und Vernetzungen aufbauen oder vertiefen.
Der Preis von 430 Euro enthält die Kosten für die Unterkunft im Doppelzimmer, Vollpension und Kursgebühr (Einzelzimmer 490€). Sie können einen Bildungsgutschein nutzen oder Bildungsurlaub beim Arbeitgeber dafür beantragen.

Organisatorische und inhaltliche Verantwortung: Kristina Schramm und andere
Fragen gern an: K.Os.05@posteo.de

zum Veranstaltungskalender der Villa Fohrde
direkter Link zur Anmeldung

Ich freue mich auf Sie am 1. Oktober und bin auch etwas aufgeregt.

Liebe Grüße
Christine Ordnung

Anmeldung sowie Fragen rund um Organisation und Finanzen:
Peter Malecki · Telefon: 030 / 21 75 32 69 · E-Mail: peter.malecki@ddif.de