Zum Tod von Jesper Juul – von Christine Ordnung

Jesper Juul ist gestorben – am Donnerstag, den 25. Juli, um 13:00 Uhr.

Jesper Juul (imago / Ritzau Scanpix)

Ich habe die Nachricht von Jesper Juuls Tod am Donnerstagabend von seinem Sohn bekommen, seitdem ist Jesper in meinen Gedanken und Erinnerung lebendig. Ich weine über den Verlust dieses sehr besonderen und bedeutenden Menschen und ich bin dankbar und froh über alles, was ich von Jesper lernen und erfahren konnte. Die vielen Begegnungen mit ihm tauchen auf und werden nun noch mehr zu einem wertvollen Schatz, der mein Leben immer bereichern wird.

Jesper Juul hat mich ermutigt, ein Ausbildungsinstitut in Deutschland aufzubauen. Bis zu seiner Erkrankungen unterrichtete er am ddif. Ich hätte das Institut gerne nach ihm benannt, aber das lehnte er ab, weil er nie einen Personenkult befördern wollte. Sein Vorschlag war „Deutsches Institut für Familientherapie“. Mir war wichtig, dass wir unsere dänischen Wurzeln im Namen deutlich machten und Jesper erinnerte mich, dass ich auch Beratung im pädagogischen Kontext anbieten will.
So entstand der Name für einen Ort, an dem wir die Haltung und die Grundlagen Jesper Juuls erfahren und weiterentwickeln können.

2001 erlebte ich in Berlin das erste Mal einen Vortrag von Jesper Juul. In den nächsten Jahren konnte ich den Kurs Family Counseling in Salzburg besuchen. Ich war 2007 beim ersten Familylab Kurs in München dabei und konnte bis 2012 bei vielen Vorträgen und Seminaren von Jesper dabei sein.

Auch typische Sprüche von Jesper und kleine Begebenheiten gehören zu den lebendigen Erinnerungen, die mir in diesen Tagen durch den Kopf gehen.
Einmal bremste ihn ein Vulkanausbruch in Island aus. Die Flüge fielen aus und er musste auf dem Landweg reisen, was bedeutete, dass er nicht alle seine Termine einhalten konnte.
Das war sicher nicht einfach für ihn, denn es war ihm extrem wichtig seine Zusagen einzuhalten und er musste pünktlich sein. Als junger Erwachsener arbeitete er in Deutschland unter anderem auf dem Bau. Zum Thema Pünktlichkeit kam auch später noch ab und an der alte Spruch aus seinem Mund: „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Maurers Pünktlichkeit.“
Den wendete er jedoch nur auf sich selbst an. Ich habe nie erlebt, dass er jemanden, der zu spät kam mit dem moralischen Zeigefinger belehrt hätte.
Eine andere Redewendung aus der Zeit zitierte er gerne schmunzelnd: „Man weiß nie, wie die Hühner pissen.“
Oft habe ich diesen Spruch im Kopf, wenn es mal wieder anders läuft als geplant.

Bis zu seiner Erkrankung im Herbst 2012 war sein Terminplan durchweg eng gestrickt. Jesper Juul absolvierte ein enormes Arbeitspensum. Er reiste durch Europa und hatte Pläne für Amerika und Australien. Überall hinterließ er großen Eindruck; Spuren und Eindrücke, die nachwirken.
Unzählige Familien und Fachleute danken ihm von Herzen, weil seine Haltung, seine Sicht auf die Beziehungen ihr Leben und ihre Arbeite verändert haben. Sein Einfluss auf die pädagogische und therapeutische Arbeit hat europaweit neue Maßstäbe gesetzt, die ihre Wirkung bereits zeigen.

Trotz seiner schweren Krankheit war Jesper in den letzten 7 Jahren präsent. Eltern, Fachleute und die Medien haben fortwährend den Kontakt zu ihm gesucht und Anfragen geschickt. Wenn es ihm irgendwie möglich war, hat er auf Fragen von Eltern geantwortet, Interviews gegeben und mit Gruppen gearbeitet. Natürlich war er im Vergleich zu vorher zurückgezogen. Seine Erkrankung 2012 hatte zur Folge, dass er an den Rollstuhl gefesselt war und kaum oder gar nicht sprechen konnte. Erst nach fast 3 Jahren im Sommer 2015 gelang eine Operation an den Stimmbändern und er hatte seine Stimme wieder. Wir planten Masterkurse mit ihm in Dänemark, wir machten Termine für Video Vorträge im Berliner Kino Babylon und kümmerten uns um die technischen Voraussetzungen für den Unterricht mit ihm via Skype. Aber Jesper wurde von heftigen Schmerzen heimgesucht, die ihn tageweise arbeitsunfähig machten. Längerfristige Planungen waren ihm nicht möglich.
Die Schmerzen blieben, wurden massiver und kosteten ihn all seine Kraft.

Jesper Juul hat Impulse in der Pädagogik und der Therapie gesetzt, die wir in den nächsten Jahrzehnten hoffentlich umsetzen werden. Seine zeitgemäße und zukunftsweisende Pädagogik führt uns aus den Sackgassen heraus, in die sich Eltern und PädagogInnen mit überholten Erziehungsmethoden verlaufen und dann in Machtkämpfen stecken bleiben.

Jesper Juul hat seine Erkenntnisse zu Beziehungen und zu Gleichwürdigkeit in Beziehung in Büchern und Artikeln, in Vorträgen und Seminaren und in Beratungen verbreitet. Er war unermüdlich.
Sein Leben und sein Lebenswerk erfährt die verdiente Würdigung und wir alle können sein Erbe weitertragen. Das hat er immer gewollt.

Ich trauere um meinen Lehrer und Mentor.

Christine Ordnung